Interview mit Claude Meisch im Telecran

"Schüler als Menschen stärken”

Interview mit Claude Meisch im Telecran

Interview: Telecran (Ingo Zwank)

Telecran: Wenn man über Schule spricht, muss man auch kurz über eineinhalb Jahre Pandemie sprechen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Claude Meisch: Wir haben die vergangenen 20 Monate eine uns unbekannte Situation mit dem Virus mit den Maßnahmen Präsenz-, Wechsel- und Fernunterricht recht gut gemeistert. Wir haben jeden Tag hinzugelernt, unsere Maßnahmen, die wir für nötig empfunden haben, immer angepasst, im Rahmen der Stufenpläne alle sechs Wochen ausgerichtet. Luxemburg belegt einen der vordersten Plätze im internationalen Vergleich, was die geringe Zahl der verlorenen Schultage anbelangt. Wir haben unseren Teil dazu beigetragen, das Virus entsprechend einzudämmen, ohne das Recht auf Bildung zu vernachlässigen.

Telecran: Das neue Schuljahr ist gerade ein paar Wochen alt. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Claude Meisch: Zuerst muss ich festhalten, dass wir das Resultat, was wir nun haben, ohne die Beteiligten, die Schüler, Lehrer, Eltern, so nicht erreicht hätten - es ist kein Resultat eines Politikers, eines Ministers oder eines Ministeriums, sondern aller Beteiligten, die sich in der Krise sehr diszipliniert verhalten haben. Wir sind zwar weit entfernt von der angespannten Lage im Herbst 2020, doch die aktuelle Lage würde ich noch als schwierig bezeichnen. Wir sind noch nicht am Ende der Pandemie.

Wir konnten zwar einige Maßnahmen lockern, wenn ich nur die Maskenpflicht in der Schule nehme. Wir haben aber in den letzten Wochen auch das gesehen, was wir erwartet haben: Die, die nicht geimpft sind, haben ein erhöhtes Infektionsrisiko - und das sind die Kinder an den Grundschulen. Wir haben daher noch Schnelltests in der Grundschule, wo die Schüler zweimal in der Woche getestet werden. Dies gibt uns eine gewisse Freiheit und auch Sicherheit bei der Schulplanung. Wir müssen aber weiterhin vorsichtig sein, wir können nun einmal nichts ausschließen.

Telecran: Auf Ihrem Schulplan stehen aber Vorbereitungen für die "Schule des 21. Jahrhunderts". Können Sie diese Pläne etwas erläutern?

Claude Meisch: Dies sind wichtige Punkte, die wir unbedingt angehen müssen. Sicher hat uns Covid in der Umsetzung etwas gehemmt. Aber wir werden die Situation nicht als Entschuldigung nehmen. Es sind Punkte und Ideen, die in der Fortschreibung von dem stehen, was wir bereits angegangen sind. Ich denke da an "Unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Schüler", eine Umsetzung, die bereits vor ein paar Jahren anlief.

Wir merken, dass wir damit heute sehr gut dastehen. Die Schüler haben eine andere Muttersprache, kommen aus dem Ausland, haben spezifische Talente. Diese Unterschiede sollen nicht als Schwäche verstanden werden, sondern als Stärke, auch in unserem Bildungssystem. Ich möchte eine Bildungslandschaft haben, die so vielfältig ist, wie die Talente der Schüler. Dies entspricht unserer Diversität in der Gesellschaft und in unserem Land.

Telecran: Soll das traditionelle Schulsystem überholt werden?

Claude Meisch: Nein, wir wollen das traditionelle Schulsystem mit neuen Sektionen ausbauen.

Bereits 2017 haben wir die Informatiksektion geschaffen, die in Esch/Alzette, Clerf, Luxemburg-Stadt und Echternach angeboten wird. Hier haben wir etwas nachgeholt, was ein Muss in unserer Zeit darstellt.

2022/23 wird die "Ecole de commerce et de gestion" (ECG) die neue Sektion "Entrepreneuriat, Finance et Marketing" im klassischen Sekundarunterricht anbieten. Die Schulen allgemein sollen den Initiativ-Geist der Schüler wecken und auch stärken, über Projekte wie zum Beispiel die Mini-Entreprises. Bei dieser neuen Sektion wird sich noch stärker auf Eigeninitiative fokussiert. Ferner soll im klassischen Lycée eine neue Sektion für Geisteswissenschaften etabliert werden, etwas, was in meinen Augen noch fehlt.

Für 2023/24 ist daher im klassischen Sekundarunterricht geplant, mit der neuen Sektion einen Fokus auf Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Philosophie zu legen. Denn die Nachfrage bei den jungen Menschen, die in diesem Bereich studieren, ist da.

Telecran: Einen Schwerpunkt haben Sie auch auf den Bereich Digitalisierung gelegt?

Claude Meisch: Ja, mit dem Fach im Sekundarunterricht "digital sciences", denn es ist notwendig, die jungen Leute auf eine zunehmend digitale Zukunft vorzubereiten.

Die Digitalisierung unseres täglichen Lebens schreitet immer schneller voran und zwingt uns, neue Herausforderungen anzugehen und neue Fragen zu beantworten. Junge Menschen müssen in der Lage sein, diese hochdigitalisierte Welt zu verstehen, zu meistern und ihren Platz darin zu finden. Dabei ist es nicht nur die Aufgabe der Schulen, ihnen technische und kognitive Fähigkeiten zu vermitteln, sondern ebenso den Schüler als Mensch zu stärken.

Starke Kinder, starke Jugendliche, das muss unser Leitbild sein, wenn wir die kommende Generation gut auf die Digitalisierung vorbereiten wollen. Sowohl als "digital worker", also den digitalen Arbeiter, aber auch den "digital citizen", den digitalen Bürger. Mit "digital sciences" erhalten die Schüler im Rahmen der schulischen Ausbildung eine gewisse Grundkenntnis, um sich später spezialisieren zu können.

Telecran: Pädagogische Methoden sollen überarbeitet werden, dafür ist aber bestimmt Fachpersonal von Nöten. Personal haben Sie in den letzten Jahren über "Quereinsteiger-Programme" rekrutiert...

Claude Meisch: Jeder würde sich sicherlich wünschen, dass wir genügend Fachkräfte für den Schulbereich hätten. Dies ist aber leider nicht so. Wir haben eine Realität, in der wir einen Mangel an Fachkräften haben, nicht nur im Schulbereich, sondern überall da, wo wir fachspezifische Ausbildungen benötigen. Diese Schwierigkeit teilen wir im öffentlichen Dienst mit dem Privatsektor. Beispielsweise bei der Polizei wie auch im Handwerk.

Es ist sehr schwer, Handwerksmeister zu finden. Zudem ist der Lehrermangel kein rein luxemburgisches Problem, sondern auch andere Länder mussten neue Wege bei der Rekrutierung der künftigen Lehrer gehen, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.

Wir dürfen aber nicht die Augen verschließen und sagen, dass wir dann weniger Erzieher und Lehrkräfte einstellen. Was hätte das zur Folge? Mehr Schülerin einer Klasse! Dies würde sich negativ auf die schulische Ausbildung und das Lernen auswirken. Daher bin ich der Ansicht, dass es der richtige Weg war, das Programm der Quereinsteiger im Jahr 2018 zu starten. Es ist auf fünf Jahre ausgelegt. Es hat uns erlaubt, alle Klassen zu besetzen, ohne unsere Ressourcen zurückschrauben zu müssen.

Wir konnten so der demografischen Entwicklung im Land gerecht werden.

Es war von Anfang an klar, dass dies kein Dauermodell werden kann — und auch nicht werden soll. Wir sind daher momentan in Diskussion sowohl mit der Universität Luxemburg als auch mit den Lehrergewerkschaften, wie wir mit diesem Modell weiter umgehen sollen und auch, welche Erkenntnisse wir daraus ziehen können.

Telecran: Wie wollen Sie das Personalthema also angehen? Gibt es schon Gedankenspiele?

Claude Meisch: Heute möchte jemand, der Psychologie studiert hat, den Lehrerberuf ergreifen. Nach 250 Stunden Fortbildung zum Lehrer kann er nach bestandener Prüfung seine Zulassung erhalten. Man steigt also sofort in den Beruf ein. Mein Vorschlag ist nun, dass man zwar noch einen Quereinstieg ermöglicht, aber eben nicht in den Beruf, sondern ins Studium.

Wenn ich einen Bachelor habe, soll ich so ein viertes Jahr an der Uni anhängen können, um fehlendes Wissen aufzuarbeiten, aber eben im Studium.

Mit 18, 19 Jahren wissen viele nun einmal nicht genau, was sie werden möchten. Hier zögert mancher, die Ausbildung zum Lehrer einzuschlagen, vor allem im Bereich Grundschule. Wenn ich dieses Diplom habe, bleibe ich an der Grundschule. Wenn ich aber noch ein anderes Diplom vorzeigen kann, in Soziologie oder Pädagogik, habe ich nach 15, 20 Jahren noch andere Möglichkeiten. Dies ist eine Chance, die den jungen Leuten entgegenkommt, ein Diplom in einem Jahr nachzumachen und dann als Lehrer tätig zu werden.

Und wir brauchen mehr Lehrer mit Master-Niveau. Es gibt spezifische Aufgaben im Bereich der Schule, für die spezifische Fachkenntnisse erforderlich sind, wie bei Kindern und Jugendlichen mit spezifischem Förderungsbedarf.

Aber auch bei neuen Unterrichtsmethoden, bei denen wir die Lehrerschaft coachen müssen, denke ich daran, dass man hier eher ein Master-Diplom mitbringen muss, um in einer Position wie stellvertretender Direktor tätig zu sein.

Auch dies ist ein Punkt, den Beruf attraktiver zu gestalten, denn ohne eine gewisse Aufstiegschance ist die Karriereleiter ziemlich unattraktiv.

Der Lehrerberuf hat heute mehr Perspektiven zu bieten, als über eine gesamte Laufbahn nach den Sommerferien eine neue Klasse zu übernehmen. Mir ist es wichtig, dass der Lehrer vermittelt bekommt, sich auch innerhalb des Bildungssystems entwickeln zu können.

Dies über eine bessere Ausbildung oder eine intensive Fortbildung, verbunden mit der Aussicht:, mehr Verantwortung übernehmen zu können.

Telecran: Apropos Verantwortung: Mit von Ihnen eingereichten Gesetzesvorlagen zur Besetzung der Direktorenstellen an den Fachschulen haben Sie für einige Diskussion gesorgt.

Für mich war dies gar nicht so diskussionswürdig. Ich hätte es begrüßt, wenn man sich an den Fachschulen mehr geöffnet hätte, Experten von außen zu holen. Es hat eine Diskussion stattgefunden, der politische Wille war nicht allzu groß, umso größer der Widerstand bei den Gewerkschaften. Also haben wir uns zusammengesetzt, die Gesetzesvorlage umgeändert in der Art und Weise, dass wir nur etwas geöffnet haben. Wenn ich also bereits im öffentlichen Dienst bin, kann ich einen Posten an den Fachschulen übernehmen. Ich ziehe eine pragmatische Lösung einer ideologischen Auseinandersetzung vor.

Telecran: Die Legislaturperiode läuft noch bis 2023. Gibt es im Ministerium eine Art Prioritätenliste, was Sie unbedingt in dieser Zeit noch umsetzen wollen?

Claude Meisch: Ich denke, dass alles, was wir angekündigt haben, notwendige Maßnahmen sind. Wir sprechen ja nicht nur von der schulischen Ausbildung oder der Kinderbetreuung. Wir sprechen auch von der Jugendarbeit und der Jugendhilfe. Wenn wir uns Punkte wie die Schulpflicht bis 18 Jahre anschauen, dann kann man diesen nicht in den kommenden beiden Jahren umsetzen, aber trotzdem ist es wichtig, minderjährigen Schulabbrechern neue Perspektiven zu bieten.

Ich möchte die Jugendlichen länger in der Schule halten. Doch dazu müssen wir die Schulen anders aufstellen, dass sie das von der Kapazität her schaffen.

Da brauchen wir ein erweitertes Angebot, das auch Schulabbrecher und Jugendliche anspricht, die die Schule verlassen wollen. Wir dürfen den formalen Unterricht nicht vernachlässigen, doch diese Jugendlichen brauchen oft eine intensive psychologische Unterstützung. Da ist es wichtig, zunächst den Jugendlichen zu stärken und dann erst den Schüler zu fordern.

Dies ist aber nur ein Projekt, das ich noch anstoßen möchte. Ein anderes ist der Ausbau der Bildungsangebote an Kinder und Jugendliche. Wir werden ab dem kommenden September die Maison relais in den Schulwochen gratis anbieten, um wirklich eine offene Ganztagsschule zu schaffen, die nach dem Unterricht außerschulische Aktivitäten, inklusive Hausaufgabenhilfe anbietet. Ab Herbst werden wir auch die ersten sieben Jahre in den Musikschulen und Konservatorien gratis anbieten, denn Kreativität ist auch eine Zukunftskompetenz, die es zu fördern gilt. Man erkennt, dass die Bildungslandschaft von heute breiter ist als nur die Schule von gestern.

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